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„Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um das Thema „neue generische Top Level Domains“ zu prüfen.“

Von und am 19. November 2013

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Interview mit Wolfram Schmidt, CEO switchplus ag

Das Interview mit Wolfram Schmidt ergänzt den Unic Magazinartikel zu den Themen Domain-Management und neue generische Top Level Domains (gTLD).

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Wolfram Schmidt ist Gründer und Geschäftsführer der im März 2009 gestarteten switchplus ag, einer 100%-igen Tochtergesellschaft der Stiftung SWITCH. Das Unternehmen entwickelte sich inzwischen zum Marktführer im Bereich Domain-Namen in der Schweiz und bietet weitere Komplettlösungen rund um Web-Services an.

Herr Schmidt, hat das Domain-Management in Unternehmen heute den Stellenwert, den es haben sollte?
Nein. Man muss aber unterscheiden zwischen grossen, mittleren und kleinen Unternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen betreiben oft kein Domain-Management. Bei grossen Unternehmen ist es unterschiedlich. Teilweise gibt es einen Verantwortlichen innerhalb der Firma, der aber oft vor allem administrative Tätigkeiten macht, zum Beispiel die Bezahlung der Rechnungen.

Häufig werden in grossen Unternehmen von verschiedenen Stellen – vor allem auf Business-Seite – Domain-Namen registriert. Tendenziell wird in grossen Unternehmen die Verwaltung der Domain-Namen aber zunehmend konsolidiert. In den meisten Fällen wird inzwischen auch die Rechtsabteilung beigezogen, denn letztlich geht es beim Domain-Management um geistiges Eigentum.

Das Domain-Management ist sehr stark mit der Thematik Markenschutz („Brand Protection“) verbunden. Diejenige Person, die den Schutz der Marke überwacht, sollte auch für das Domain-Management verantwortlich sein. Denn ein sehr grosser Teil des heutigen Markenschutzes im Internet ist, Domain-Namen zu reservieren und zu blockieren.

Brand Protection bedeutet aber auch, das Internet zu screenen, um herauszufinden, ob jemand unbefugt den Markennamen oder eine abgewandelte Form davon nutzt. Es gibt heute Firmen, die solche Brand Protection Services als Dienstleistung anbieten.

Werden denn diese Dienstleistungen in der Schweiz genutzt?
Das Thema Brand Protection im Internet ist noch nicht etabliert. Die Kosten dieser Services sind nicht niedrig. Für ein Unternehmen mit über hundert Marken kosten Brand Protection Services mehrere zehntausend Franken. Deswegen machen das viele Unternehmen noch irgendwie selbst. Mit Betonung auf „irgendwie“.

Können Sie uns aufzeigen, worauf ein Unternehmen beim Domain-Management bezüglich Organisation, Strategie und Prozessen achten sollte?
Erstens sollte ein Unternehmen prüfen, wie exponiert es im Internet ist. Das bedeutet, es sollte eine Quantifizierung der Risiken vornehmen, die durch fehlendes Domain-Management entstehen.

Zweitens sollte das Thema Domain-Management nicht in einem administrativen Bereich angesiedelt sein, sondern ganz klar am selben Ort wie das Thema „Brand Protection“.

Drittens sollten nicht nur Domain-Namen registriert werden, sondern es sollte auch überwacht werden, ob im Internet Domain-Namen in Bezug auf die eigenen Marken missbräuchlich eingesetzt werden.

Also ist eine gewisse Kontinuität notwendig?
Ja, als Firma sollte ich einen entsprechenden Service haben. Aber zunächst muss ein Verständnis da sein, wie hoch der Schaden ist, wenn jemand die Marke missbraucht. Wie viele Websites auf der Welt benutzen unerlaubt meinen Markennamen? Was geht mir dadurch an Umsatz und gutem Ruf verloren?

Wenn man sich Domain-Namen für die Brand Protection registriert, ist der Mehrwert von zusätzlich registrierten Domain-Namen relativ klein. Sehen Sie das auch so?
Das ist richtig. Neue Domain-Namen kosten Geld. Deshalb sollte man sich überlegen, ob es langfristig teurer ist, im Voraus viele Domain-Namen zu registrieren oder bei Missbrauch rechtliche Schritte einzuleiten. Mit den neuen generischen Top Level Domains werden sich die Unternehmen diese Frage wieder stellen müssen.

Welche personellen Ressourcen muss man für das Domain-Management zur Verfügung stellen? Nehmen wir das Beispiel eines international tätigen Unternehmens, das in 10 bis 15 Märkten tätig ist und aktiver in das Thema einsteigen will. Reicht da eine Person aus?
Ich denke, dass das realistisch ist. Wichtig ist die richtige Ansiedlung dieser Person. Das erste, was sie machen muss, ist eine Bestandsaufnahme. Das wird ein Weilchen dauern, denn es ist gar nicht so einfach herauszufinden, welche Domain-Namen das Unternehmen besitzt. Es gibt keine Möglichkeit, sich im Whois alle Domain-Namen eines Unternehmens anzeigen zu lassen. Zudem sind Domain-Namen manchmal von verschiedenen Unternehmensbereichen, von Agenturen, oder auch von Mitarbeitern privat registriert und das bei unterschiedlichen Anbietern (Registraren).

Danach folgt die Konsolidierung, das heisst, die Prüfung, ob der korrekte Besitzer (Halter) eingetragen ist und das Zusammenführen zu einem Anbieter. Gegebenenfalls müssen Domain-Namen auch übertragen werden bzw. ein Halterwechsel muss durchgeführt werden.

Der nächste Schritt wäre dann, zu prüfen, ob die registrierten Domain-Namen für den Markenschutz ausreichend sind oder ob noch weitere Domain-Namen registriert oder gekauft werden müssen. Man kann sich auch bewusst gegen Registrierungen oder Käufe entscheiden, wenn sie zu teuer sind.

Vereinfacht es das Domain-Management, wenn man alle Domain-Namen bei einem Registrar wie z.B. switchplus hat?
Ja, beispielsweise wird die Abrechnung einfacher und man kann alle Domain-Namen viel übersichtlicher verwalten, da man jederzeit den Überblick in einem Benutzerkonto hat. Ausserdem schützt man sich so vor Betrügern, die einem Domain-Namen verkaufen wollen.

Wie gehen Betrüger denn vor?
Betrüger holen sich die Kontaktdaten aus dem Whois und bieten beispielsweise einen Domain-Namen zum Verkauf an, bevor er vermeintlich gerade von jemand anderem registriert werden kann. Oder sie schreiben ein Mail mit der Anfrage für eine vermeintliche Verlängerung der .com-Domain, welche für 120 Dollar direkt mit Kreditkarte bezahlt werden kann.

Wenn ich alle Domain-Namen bei einem Registrar habe, dann zahle ich ausschliesslich die Rechnungen des Registrars und kann alle anderen Anfragen oder falschen Rechnungen direkt löschen oder wegwerfen.

Wir haben über personelle Ressourcen beim Domain-Management gesprochen. Wie viel Budget muss eine Firma denn reservieren?
Domain-Namen-Preise sind unterschiedlich. Und es kommt darauf an, wie viele Domain-Namen eine Firma pro Marke registrieren muss. Das hängt sehr stark davon ab, wie attraktiv die Marke für Betrüger ist. B2C-Marken sind meist attraktiver als B2B-Marken. Ein grösseres Unternehmen sollte etwa 30‘000 Franken pro Jahr budgetieren.

Kommen wir zu den neuen generischen Top Level Domains (gTLD). Soll ich mich mit dieser Thematik befassen, wenn ich eine Website habe?
Heute geben die Nutzerinnen und Nutzer bei einer Web-Adresse in der Regel die Endung des jeweiligen Landes oder .com ein. Sie gehen davon aus, dass ein Website-Betreiber die Domain-Endung des Landes registriert hat, wenn er dort tätig ist.

Die meisten einprägsamen Domain-Namen sind jedoch aktuell vergeben. Mit den neuen gTLD werden deshalb verschiedene TLD für unterschiedliche Interessengruppen oder Sparten generiert – beispielsweise .reise, .music, .film. Zudem wird es neben .ch auch regionale TLD wie .zuerich, .berlin oder .wien geben. Die Schweiz hat zudem .swiss registriert.

Wenn die neuen gTLD gelauncht werden, wird dies für die Nutzer noch fremd sein. Aber man kann heute davon ausgehen, dass über die Zeit die eine oder andere dieser Endungen zum Standard wird.

Es wird bei den neuen gTLD eventuell mehr Limitierungen geben als heute. Einen .ch-Domain-Namen kann heute jeder für jeden Zweck registrieren. Bei .swiss geht man davon aus, dass nur jemand diese Domain-Endung bekommt, der etwas mit der Schweiz zu tun hat. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass die Kunden irgendwann einmal wissen, dass ein Unternehmen mit .swiss  ein Schweizer Unternehmen ist. Als Schweizer Unternehmen komme ich in diesem Fall nicht um den .swiss-Domain-Namen herum.

Die ortsbezogenen neuen gTLD wie .zuerich sind praktisch für Nutzer, die spezifisch etwas an einem Ort suchen, also z.B. restaurant.zuerich, autovermietung.zuerich oder hotel.zuerich. Wenn der Nutzer .zuerich eingibt, weiss er, dass das, was er sucht, in Zürich ist.

Entscheidend wird auch sein, wie Suchmaschinen dies berücksichtigen. Es ist deshalb sinnvoll, dass sich z.B. ein Zürcher Restaurantbetreiber einen .zuerich-Domain-Namen registriert.

Jetzt ist sicher ein guter Zeitpunkt, um das Thema neue gTLD zu prüfen. Man hat noch keinen Druck, dass man sofort agieren muss. Es lohnt sich deshalb, sich zu fragen: Welche Endungen kommen und welche der rund 700 neuen Endungen könnten für mich relevant sein?

Muss man sich die Informationen selber zusammensuchen?
Bei switchplus gibt es seit dem 14. November einen Dienst, bei dem ich mir die relevanten neuen gTLD vormerken kann. Sobald es News für eine Domain-Endung gibt, werden alle, die eine Vormerkung getätigt haben, von switchplus darüber informiert. Damit kann man die Informationsbeschaffung delegieren. Der Dienst ist kostenlos. Wenn ich also Betreiber des Restaurants Sonnenhof bin, kann ich sonnenhof.restaurant vormerken und werde dann über switchplus auf dem Laufenden gehalten.

In der Phase des Public Launch kann ich die unverbindliche Vormerkung in einen verbindlichen Registrierungsantrag umwandeln. Wir versuchen dann, den Domain-Namen für den Kunden zu registrieren. Da verschiedene Registrare eine Registrierung versuchen, können wir nicht garantieren, dass der Kunde den Domain-Namen erhält.

Um beim Beispiel des Restaurants Sonnenhof zu bleiben: Dann konkurrieren unter Umständen alle Restaurants Sonnenhof um den Domain-Namen sonnenhof.restaurant?
Eventuell. Das heisst, wenn ich das Restaurant Sonnenhof in Luzern betreibe, sollte ich sicherheitshalber noch einen Registrierungsantrag für sonnenhof-luzern.restaurant eingeben.

Wir haben über die Phase der öffentlichen Registration gesprochen. Können Sie uns die verschiedenen Phasen eines TLD-Launches genauer erklären?
Wenn eine TLD wie z.B. .restaurant gelauncht wird, erstellt die für die entsprechende neue gTLD zuständige Registry einen Launchplan. Zunächst sucht die Registry Launchpartner, die die TLD bekannt machen. Diese Partner erhalten meist als Gegenleistung einige gute Domain-Namen, die sie auktionieren können.

Danach folgt die Sunrise-Phase. In dieser Phase können alle Firmen Domain-Namen registrieren, die einen Rechtsanspruch haben. Dafür gibt es das Trademark Clearinghouse (TMCH). Mit 150 Dollar pro Jahr bekommt man mit dem Eintrag ins TMCH ein Anrecht, in der Sunrise-Phase Domain-Namen mit der eingetragenen Marke zu kaufen. Was aber im TMCH nicht geregelt ist, ist der Prozess, wenn zwei Institutionen Rechtsanspruch auf eine Marke haben (z.B. eine in Europa und eine in Amerika). Es ist in diesem Fall nicht klar, wer schlussendlich den Domain-Namen erhält.

Nach der Sunrise-Phase folgt eine optionale Landrush-Phase. In dieser Phase kann die Registry attraktive Domain-Namen versteigern.

Wenn die Landrush-Phase vorbei ist, folgt die Phase der öffentlichen Registrierung. Sobald diese losgeht, versuchen die Registrare Domain-Namen bei der Registry zu reservieren.

Detail-Informationen zum Launch-Prozess der neuen gTLD haben wir auf www.switchie.ch publiziert.

Das ist etwa so wie beim Ticketvorverkauf. Sobald der Vorverkauf öffnet, wollen alle ein Ticket.
Der Registrar, bei dem man einen Registrierungsantrag hinterlegt hat, muss eine Priorisierung machen. Wir werden deshalb bei switchplus nur einen Registrierungsantrag pro Domain-Namen eingeben. Wenn also mehrere Kunden sonnenhof.restaurant vorgemerkt haben, werden alle über die Möglichkeit zur Umwandlung der Vormerkung in einen Registrierungsantrag informiert. Wir führen den Registrierungsantrag aber nur für den ersten aus, der seine Vormerkung in einen verbindlichen Antrag umwandelt.

Die Abläufe innerhalb der einzelnen Phasen sind teilweise noch unklar, weil es aktuell keine neuen gTLD gibt, die man öffentlich kaufen kann.

Wie lange geht es denn vom Launch bis zur Phase der öffentlichen Registrierung?
Der Gesamtprozess des Launches einer neuen gTLD wird rund drei Monate dauern. Das heisst, wenn es soweit ist, muss man schnell sein. Deshalb lohnt es sich, sich jetzt schon Gedanken zu machen.

Werden die neuen gTLD denn auch genutzt?
Wir wissen aktuell noch nicht, welche TLD sich durchsetzen werden. Bei manchen kann man davon ausgehen, dass sie sich behaupten werden.

Wir wissen auch noch nicht, ob es für .swiss ein Verfahren geben wird, das prüft, dass nur Schweizer Unternehmen einen .swiss-Domain-Namen registrieren können. Wenn das gelingt und der Internetnutzer weiss, dass es auf einer .swiss-Seite „Swiss Products“ gibt, dann hat der Domain-Name einen höheren Wert. Der Domain-Name wird durch die notwendigen Überprüfungsaufwände aber auch teurer.

Zuweilen werden auch neue Formen des Surfverhaltens aufgrund von neuen gTLD beschrieben. Beispielsweise, dass ich mit .app oder .shop direkt in den spezifischen Bereich einer Website navigieren kann. Können Sie sich ein solches Nutzerverhalten vorstellen?
Brauchen wir das? Das würde ich hinterfragen. Warum sollte app.switchplus.ch schlechter sein als switchplus.app? Die wenigsten Nutzer tippen Domain-Namen in den Browser ein. Häufig kommen sie über Links oder Suchmaschinen auf die Website.

Zu welchen neuen gTLD werden Sie Domain-Namen anbieten?
Wir wissen noch nicht, welche neuen gTLD erfolgreich sein werden, also werden wir alle Endungen anbieten, die öffentlich registrierbar sind.

Zum Schluss: Welche drei Tipps geben Sie einem Website-Betreiber zum Thema neue gTLD mit?
Prüfen Sie, welche Endungen Sie interessieren.

Wägen Sie ab, ob Sie 150 Dollar pro Marke investieren wollen, um die Marke ins Trademark Clearinghouse einzutragen und von der Sunrise-Phase zu profitieren.

Machen Sie bei switchplus eine Vormerkung für die Domain-Namen, die Sie interessieren. Dann werden Sie von uns bei Neuigkeiten informiert.

Herr Schmidt, herzlichen Dank für das Interview!

Google+ Profile der Autoren: Matthias Schmid

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